Die Verhältnisse zum Tanzen bringen ! Deutschland den Schlaf rauben !von Con | in Politik | Freitag 26. September 2008, 15:33:36 | 0 kommentar
AUFRUF
Strassen zu Tanzflächen, Freirräume statt nationaler Euphorie.
Amusement – so Adorno/Horkheimer – ist die Verlängerung der Arbeit unterm Spätkapitalismus. Die Verlängerung unseres Alltags aus Schule, Uni, Lohnarbeit. Dieses Amusement – und das ist die dialektische Form der Kulturindustrie – bietet dennoch auch einen Möglichkeitsraum, einen Raum zum Ausprobieren, einen Raum in dem ich die Normierungen des Alltags wie Geschlecht, etc. zurückweisen kann, in dem ich nicht den Traum träumen muss, sondern aus dem bösen Traum erwachen kann, der mich einschränkt, normiert, funktionalisiert und determiniert – der Traumschlaf der kapitalistischen Vergesellschaftung. Zwar bahnen sich die Weckreize und Störgeräusche mal laut, mal leise, übersteuert und verzerrt aus den Lautsprechern des Soundsystems, dennoch tragen sie bestimmt das Signal der Störung des Alltäglichen in sich. Tanzen auf einer Tanzfläche, die die Stadt ist, Tanzen als Protest. Und tanzend holen wir uns die Stadt zurück.
Bereits seit 1995 finden in Frankfurt Nachttanzdemos statt. In breiten
Bündnissen zwischen kulturellen und politischen Gruppen der Stadt wurde
von Beginn an versucht, Alltag, Politik und (Party-)Kultur zu verbinden.
In diesem Jahr soll die Nachttanzdemo der zeitweise überall
präsenten Deutschtümelei entgegentreten. Aus diesem Grund findet die
Nachttanzdemo in der Nacht zum 3. Oktober, dem »Tag der deutschen
Einheit« statt. Wie bereits bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 hat
sich auch bei der Europameisterschaft 2008 beim »public viewing«, in
den Kneipen und Wohnzimmern der sogenannte Partypatriotismus
breitgemacht. Die ganze Stadt war eingenommen von Deutschlandfahnen
oder sonstigen schwarz-rot-goldenen Accessoires, von unzähligen Leuten,
die plötzlich vereint die Nationalhymne oder andere dumme Reime auf
Deutschland gröhlten. Diese unverkrampfte Begeisterung für Deutschland
wurde wie bereits zwei Jahre zuvor von den Medien und Politiker_innen
wieder durchweg positiv rezipiert. Diejenigen, die sich nicht in diesen
nationalistischen Taumel einordnen wollte, wurden zu
Spassverderber_innen und ewig Gestrigen abgestempelt. Das Abfeiern von
Deutschland ist aber keinesfalls nur die Begeisterung für elf Hanseln,
die einen Ball treten, sondern auch die Aufgabe der individuellen
Bedürfnisse für etwas »größeres«, die Nation, Deutschland. Mit der
Inszenierung Deutschlands, als einem Land auf das mensch endlich wieder
stolz sein kann, werden aber nicht nur weite Teile des deutschen
Alltags ausgeblendet, der immer noch durch rassistische Übergriffe,
antisemitisches Ressentiment und einer immer stärker werdenden rechten
Szene geprägt ist, auch die deutsche Geschichte scheint völlig
überwunden und soll damit getrost vergessen werden können. Der
Partynationalismus folgt dergestalt den Motiven der Kulturindustrie,
dass er für Deutschland wirbt, er ist eine verschleierte Ideologie.
Während sich das Spießer_innentum dieser »Party« gerne anschliesst,
mobilisiert es umso mehr gegen alles was sein binäres Bild in Frage
stellt. Diese Art des »Feierns« ist geordnet, identifizierend und
antihedonistisch, und: Sie muss gefälligst irgendwann vorbei sein.
Antihedonismus, der Hass auf das Sinnliche, muss sich immer schon von
der Möglichkeit wirklicher sinnlicher Erfahrung abgrenzen, an deren
Stelle tritt das Klischee mittels dem die Welt in gut und böse
aufgeteilt wird. »Noch
als Möglichkeit, als Idee müssen sie den Gedanken an jenes Glück immer
aufs neue verdrängen, sie verleugnen ihn um so wilder, je mehr er an
der Zeit ist. Wo immer er inmitten der prinzipiellen Versagung als
verwirklicht erscheint, müssen sie die Unterdrückung wiederholen, die
der eigenen Sehnsucht galt.« Eine ungeordnete Party im Stadtraum ist unerträglich. Ein City-Rave ist also der Counterpart des Bedürfnisses der Spießer_innen nach der geordneten heilen Welt, von der sie selber ahnen, dass sie eine Lüge ist. Somit droht die Invasion junger Partysan_innen die mit der Sonnenbrille noch ins Bett gehen (irgendwann halt), auf den Straßen »ihrer« Stadt, dem Alltag. Der Alltag ist aber die subtilste Form der Herrschaft, seine Störung ist quasi ein verbrecherischer Akt. Und so muss das Außeralltägliche alltäglich gemacht werden, durch Einhegen von Parties in Clubs, durch Lärmauflagen oder durch das Aufmarschieren martialischer Polizeiketten bei der Nachttanzdemo. Jegliches Aufblitzen eines Anderen darf nicht sein. In unseren Parties scheint die Möglichkeit des Anderen auf, das sie als Modeunwesen verachten, und das sie für die Auflösung ihrer Traditionen als verantwortlich haluzinieren. Ein Verbot soll diesen Verfall eindämmen und es wird vermittels der Repression durchgesetzt werden. Der beständige loopartige Wechsel subversiver ästhetischer Stile, in dem die Spießer_innen den Verfall der Sittlichkeit ausmachen ,muss aber noch beschleunigt werden, damit das Einrichten im Alltäglichen verhindert wird: mit jeder Party ein neuer style!
»Let’s smoke, let’s drink, let’s get trashed and go to bed with
sunglasses on, we will always look younger anyway. Why? No time, no
yesterday, no tomorrow, just now. We will all dance to the same
soundtrack and will never have the same pictures running in our head.
Fear of rejection is gone. No dress code, no Policy of Cool. To be
unique but comfortably accepted, at night, should be an utopia.« Auf der Nachttanzdemo wollen wir einen Raum eröffnen, in dem Feiern nicht als Bestätigung des Status Quo verstanden wird. Eine Party soll nicht der Ort sein, indem das Vergessen von Alltag und Job ermöglicht wird. Vielmehr muss es darum gehen, andere Erfahrungen zu machen, sich den Logiken des Alltags, im Job, in der Schule, in der Uni zu entziehen und im Feiern eine sinnliche Auseinandersetzung mit Alltag und Kultur zu suchen.
Ich will meine Stadt, meine Styles, meine Drogen und meine Sexualität! Tausend Tanzflächen überall und zu jeder Zeit! Nachttanzdemo 2008 – Gemeinsamer Aufruf des Kommentareschreiben
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